03.01.2022 CMBB fördert Kongressreise zum diesjährigen Kongress der deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Marburger Forscherin gewinnt Preis für Vortrag zu formalen Denkstörungen bei psychiatrischen Erkrankungen

Störungen der Sprache und des Denkablaufs werden in der Medizin als formale Denkstörungen bezeichnet. Dabei können die Geschwindigkeit der Sprache, die allgemeine Ausdrucksfähigkeit, der logische Zusammenhang aber auch die Schlüssigkeit der Gedanken betroffen sein. PatientInnen mit formalen Denkstörungen neigen zu Gedankensprüngen, Vorbeireden sowie zu einem verlangsamten Denkablauf und eingeengtem Denken.

Das klinische Krankheitsbild formaler Denkstörungen ist breit gefächert. Obwohl Studien in der Vergangenheit formale Denkstörungen vorwiegend bei PatientInnen mit Schizophrenie untersucht haben, gibt es seit langem viel Evidenz dafür, dass diese auch Teil des Krankheitsbilds anderer psychischer Erkrankungen sein können, wie zum Beispiel der Depression oder bipolaren Störungen.

Um diesem Umstand entgegenzuwirken untersuchten Dr. Frederike Stein und Prof. Dr. Tilo Kircher (Philipps-Universität Marburg, UMR) diese nun auch transdiagnostisch, also sowohl bei PatientInnen mit Schizophrenie aber auch Depression und bipolarer Störung. Dabei können sie drei psychopathologische Dimensionen formaler Denkstörungen zeigen und liefern damit eine Verteilung von formalen Denkstörungsphänotypen über die Diagnosen hinweg.

Darüber hinaus kann im Rahmen dieser Studie erstmalig gezeigt werden, dass diese Dimensionen mit sprachassoziierten Arealen des Gehirns, gemessen mittels MRT, korreliert sind. So korreliert zum Beispiel die Dimension der desorganisierten Sprache, also Sprache, die unter anderem über keinen logischen Zusammenhang verfügt, mit einer Reduktion des Gehirnvolumens im Sprachnetzwerk (temporo-okzipital). Dieses Netzwerk ist bereits seit fast 100 Jahren bei Gesunden bekannt. Die Zusammenhänge können zudem diagnoseübergreifend bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen gezeigt werden.

Mit dieser Studie leisten Stein und Kollegen einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis von anatomischen Strukturen, welche bei formalen Denkstörungen involviert sind. Transdiagnostische, dimensionale Ansätze, wie sie in der vorliegenden Studie angewandt wurden, sind dabei ein Schlüssel in der neurobiologischen Forschung psychiatrischer Erkrankungen. Diesem Fortschritt wurde im Rahmen des Kongresses der DGPPN in Berlin Rechnung getragen, indem diese Studie unter 180 Studien für einen Vortragspreis ausgewählt wurde.

Der Kongress der DGPPN beherbergt jährlich an die 10.000 WissenschaftlerInnen und Kliniker. Es handelt sich um den größten europäischen und führenden deutschen Kongress zu psychiatrischen Erkrankungen. Im Fokus stehen aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit sowie praxisnahe Erkenntnisse für die Prävention, Diagnostik und Therapie.

Besonders erfreulich ist, dass nicht nur diese Studie der Marburger Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Tilo Kircher mit einem Preis prämiert wurde, sondern noch eine weitere Untersuchung zu Unterschieden des Volumens der grauen Substanz bei PatientInnen mit Depression, bipolarer Störung oder Schizophrenie verglichen zu einer gesunden Kontrollgruppe. So können sowohl Dr. Frederike Stein als auch Katharina Brosch MSc. (Philipps-Universität Marburg, UMR) einen der begehrten Vortragspreise der DGPPN gewinnen. Beide Studien sind im Rahmen der DFG-geförderten Forschungsgruppe FOR2107 (www.for2107.de) entstanden.