11.05.2021 Einmaliges Umfeld für die sprachwissenschaftliche Promotion

DFG fördert neues Graduiertenkolleg „Dynamik und Stabilität sprachlicher Repräsentationen“ an der Philipps-Universität mit knapp 3 Millionen Euro

Foto: David Maurer
Mit dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas (Foto) und dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft bildet die Universität Marburg ein breites Spektrum linguistischer Disziplinen ab – von germanistischer Sprachwissenschaft über Phonetik und Spracherwerbforschung bis zur Neurolinguistik und Klinischen Linguistik.

Sprachen sind variationsreich und im ständigen Wandel, sei es im Wortschatz oder in der Aussprache von Wörtern. Ist man Teil der jeweiligen Sprachgemeinschaft, fällt das Verständnis in der Regel trotzdem nicht schwer. Die Sprach- und Kognitionswissenschaft erklärt dies mit sogenannten sprachlichen Repräsentationen. Dabei handelt es sich um mentale Konzepte, die eine Zuordnung von Wörtern zu ihren Bedeutungen ermöglichen, trotz Mehrsprachigkeit, Varietäten und Dialekten. Doch auch sprachliche Repräsentationen unterliegen einem Wechselspiel aus Flexibilität und Kontinuität. In einem neuen Graduiertenkolleg (GRK) an der Philipps-Universität Marburg sollen sie nun genauer erforscht werden. Das GRK „Dynamik und Stabilität sprachlicher Repräsentationen“ vereint innovative Herangehensweisen der Variations-, Psycho- und Neurolinguistik. Damit bietet es Promovierenden der Germanistik, Linguistik sowie Psychologie, Biologie und Neurowissenschaften ein einzigartiges Forschungsumfeld. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das GRK mit knapp 3 Millionen Euro über zunächst 4,5 Jahre. Die Sprecherrolle für das neue GRK teilen sich Prof. Dr. Mathias Scharinger und Prof. Dr. Christina Kauschke.

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Foto: Christina Mühlenkamp

„Damit innerhalb einer Sprachgemeinschaft sprachliche Kommunikation gelingen kann, muss es unter den Sprecherinnen und Sprechern gewissermaßen Konsens über linguistische Basiskategorien und ihre Realisierungen geben. Allerdings sind die tatsächlichen Realisierungen sehr heterogen, schon allein in der individuellen Aussprache von Sprachlauten“, sagt Scharinger. Ein Beispiel ist der Vergleich zwischen dem niederdeutschen Wort „Appel“ und dem standarddeutschen Wort „Apfel“. Für das Sprachverständnis müssen Sprecherinnen und Sprecher in der Lage sein, die beiden unterschiedlichen Wörter auf das gleiche Konzept (Obstsorte) abzubilden. In diesem Fall müssen sie also zwischen unterschiedlichen Lauten eine systematische Beziehung herstellen. Dies geschieht über sprachliche Repräsentationen, die essenziell für die Prozesse des Sprachverstehens und der Sprachproduktion sind. „Repräsentationen sind feste mentale Einheiten, die gleichzeitig flexibel sein müssen. Damit ist dies ein sehr spannendes Forschungsfeld für die sprachwissenschaftliche Forschung und angrenzende kognitionswissenschaftliche Disziplinen“, sagt Kauschke.

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Foto: Christina Mühlenkamp

Am GRK sollen in verschiedenen Teilbereichen nun bisherige Annahmen und Theorien vereint und empirisch fundiert werden. Zum einen sollen neurolinguistische Erkenntnisse gewonnen werden, die ein besseres Verständnis darüber ermöglichen, wie sprachliche Repräsentationen auf Gedächtnisinhalte abgebildet werden und auf welchen Ebenen sie sich dynamisch verändern. Außerdem soll der Erwerb derartiger Repräsentationen unter verschiedenen Erwerbsbedingungen (zum Beispiel kindlicher Spracherwerb oder Zweitspracherwerb) untersucht werden. Darüber hinaus soll es um die Möglichkeiten der Veränderbarkeit von Repräsentationen, zum Beispiel durch gezielte Interventionen, gehen. Schließlich spielen die Variabilität und die Veränderung von sprachlichen Repräsentationen, auch und gerade im Vergleich zu unterschiedlichen Dialekten des Deutschen, eine wichtige Rolle. Dieser Vergleich wird durch die Dialektdokumentation des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas der Universität Marburg wesentlich gestützt. Alle Teilbereiche sollen über eine theoretische Modellierung verbunden werden. „Denn dass trotz aller Variation ein stabiler Bezug auf die mit der Wortform verbundenen Konzepte möglich ist und eine Verständigung in der Regel gelingt“, so Mathias Scharinger, „verlangt nach einem plausiblen Erklärungsmodell. Dieses Modell wird in unserem GRK angestrebt“.

„Das wissenschaftliche Verständnis von Sprache ist seit langem ein wichtiger Forschungsschwerpunkt der Universität Marburg. Insbesondere auf den Gebieten der Sprachdynamik und Sprachkognition ist die Marburger Sprachforschung exzellent aufgestellt. Ich freue mich, dass Promovierende nun noch stärker davon profitieren werden. Das neue Graduiertenzentrum bietet ihnen ein einzigartiges Forschungsumfeld und verspricht neue, spannende Erkenntnisse über den Zusammenhang von Sprache und Gehirn“, sagt Prof. Dr. Katharina Krause, Präsidentin der Philipps-Universität.

Am GRK werden initial 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sein. Mit dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft und dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas bildet die Philipps-Universität Marburg ein breites Spektrum linguistischer Disziplinen ab – von germanistischer Sprachwissenschaft über Phonetik und Spracherwerbforschung bis zur Neurolinguistik und Klinischen Linguistik. Durch die direkte Anbindung des neuen GRK an das Center for Mind, Brain, and Behavior (CMBB) wird zudem der Zugang zu einem sehr guten neurowissenschaftlichen Netzwerk in Mittelhessen gewährleistet. „Die synergetischen Effekte der unterschiedlichen Expertisen kommen hier gezielt der akademischen Ausbildung der Promovierenden zugute“, hebt Kauschke hervor. Eine intensive Betreuung, eine optimale soziale und lokale Infrastruktur sowie hervorragende nationale und internationale Vernetzungen des Fachbereichs stellen weitere wichtige Säulen des Qualifikations-und Betreuungskonzeptes dar. „Wir schließen damit eine Lücke in der linguistischen Nachwuchsförderung und bauen unsere zukunftsweisende Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses aus“, freut sich Scharinger.

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