05.04.2019 Forschungsteam mahnt bei Schmerztherapie zur Vorsicht

Ärztinnen und Ärzte verabreichen zu häufig Epilepsie-Medikamente bei chronischen Schmerzen

Foto: Abteilung für Allgemeinmedizin
Professorin Dr. Annette Becker (links) und Dr. Annika Viniol analysierten Verschreibungsdaten von Schmerzmedikamenten.

Die Medikamente Pregabalin und Gabapentin werden zunehmend bei allgemeinen chronischen Schmerzen eingesetzt, obwohl ihre Wirksamkeit bei dieser Anwendung zweifelhaft ist. Das schließen Medizinerinnen und Mediziner aus der Analyse von Verschreibungsdaten der Krankenversicherungen. Das Team veröffentlichte seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift „BMJ Open“.

Ursprünglich entwickelt für die Behandlung von Epilepsie, setzt man die Arzneistoffe Pregabalin und Gabapentin mittlerweile auch gegen sogenannte neuropathische Schmerzen ein – das sind Schmerzen, die auf Nervenleiden beruhen, zum Beispiel Nervenschmerzen durch eine Diabeteserkrankung oder eine Herpesinfektion. „Den offensichtlich eher schwachen therapeutischen Wirkungen und dem vergleichsweise kleinen Anwendungsgebiet stehen jedoch stetig steigende Verschreibungszahlen in den vergangenen Jahren gegenüber“, erklärt die Medizinerin Dr. Annika Viniol von der Philipps-Universität, eine der Leitautorinnen des aktuellen Aufsatzes. Im Jahr 2015 belegte das Pregabalin-Medikament „Lyrica“ der Firma Pfizer Platz 26 auf der Liste der umsatzstärksten patentgeschützten Arzneimittel und verursachte Nettokosten von 170 Millionen Euro für die gesetzliche Krankenversicherung.

Viniol sowie ihre Kolleginnen und Kollegen untersuchten, wie Pregabalin und Gabapentin typischerweise angewendet werden, insbesondere bei Schmerzen. Hierfür nutzten die Autorinnen und Autoren anonymisierte Krankenversicherungsdaten von vier Millionen Versicherten, die dem Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin zur Verfügung stehen. „Diese Daten enthalten Informationen über Medikamente, die Ärztinnen und Ärzte verordnet haben und die von Apotheken abgegeben werden“, erläutert die Marburger Medizinprofessorin Dr. Annette Becker, eine weitere Leitautorin der Studie.

Die Ergebnisse des Forschungsteams zeigen zwei widersprüchliche Trends: Einerseits stiegen im Untersuchungszeitraum von 2009-2015 die Anzahl der Verschreibungen Jahr für Jahr an; andererseits weisen die Daten nur bei etwa 25 Prozent der Betroffenen, die erstmals Pregabalin oder Gabapentin erhielten, auf eine typische neuropathische Schmerzstörung hin. Drei Viertel der Patientinnen und Patienten litten hingegen an chronischen Schmerzen, aber ohne eine neuropathische Schmerzkomponente. In 61 Prozent aller Fälle kam es zum Abbruch der Behandlung.

„Offenbar werden die Medikamente häufig bei allgemeinen chronischen Schmerzen verschrieben, unabhängig davon, ob eine neuropathische Diagnose vorliegt“, fasst Viniol zusammen. Die hohe Abbruchrate lasse vermuten, dass die Verabreichung keinen therapeutischen Nutzen bringe oder dass unerwünschte Nebenwirkungen aufträten.

„Wenn bereits mehrere Therapien wirkungslos waren, so greift man zu Pregabalin oder Gabapentin – in der Hoffnung, dass Nervenschmerz bei den Beschwerden eine Rolle spielt“, vermutet die Medizinerin. Das Fazit des Forschungsteams: „Ärzte und Patienten sollten bei der Verschreibung von Pregabalin und Gabapentin Vorsicht walten lassen.“ Viniol empfiehlt, auf konservative Maßnahmen zurückgreifen.

Neben der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin der Philipps-Universität und dem Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin GmbH beteiligte sich auch die Universität von Calgary in Kanada an der Studie.

Originalveröffentlichung:
Annika Viniol & al.:
Prescribing practice of pregabalin/gabapentin in pain therapy: an evaluation of German claim data,
BMJ Open 2019,
DOI:
http://dx.doi.org/10.1136/bmjopen-2018-021535