21.03.2019 Nachts schauen wir über Fehlstellen hinweg

Marburger Psychologen untersuchten experimentell, wie unser Wahrnehmungsapparat mit Lücken umgeht

Schloss hell/dunkel
Foto: Henrik Isenberg
Je nach Beleuchtung nutzt unser Auge unterschiedliche Sehzellen, nämlich Stäbchen bei schwachem Licht und Zapfen bei Tageslicht. Psychologen aus Marburg – im Bild das zur Universität gehörige Landgrafenschloss bei Tageslicht und bei Nacht – testeten, wie Menschen bei verschiedenen Lichtsituationen sehen.

Wenn man im Dunkeln tappt: Obwohl in der Mitte unseres Gesichtsfeldes ein Loch klafft, wenn es dunkel ist, verlassen sich Menschen bei Finsternis weitgehend auf die vagen Informationen über diese Lücke – dabei gäbe es verlässlichere Informationen, die vom Rand des Sehfeldes stammen. Das haben Psychologen der Philipps-Universität durch Wahrnehmungsexperimente herausgefunden. Professor Dr. Alexander C. Schütz und sein Mitarbeiter Dr. Alejandro H. Gloriani berichten über ihre Ergebnisse in der aktuellen Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Current Biology“.

Je nach Beleuchtung nutzen wir unterschiedliche Sehzellen, nämlich Stäbchen bei schwachem Licht und Zapfen bei Tageslicht. „Es ist unklar, ob der menschliche Wahrnehmungsapparat berücksichtigt, wie unterschiedlich sich Tageslicht und nächtliche Beleuchtung auswirken“, schreiben die Autoren. Während die Anzahl der Zapfen zur Mitte der Netzhaut hin zunimmt, befinden sich die Stäbchen an deren Rand. Im Zentrum der Netzhaut, der Stelle des schärfsten Sehens, fehlen die Stäbchensehzellen ganz. Die dort konzentrierten Zapfen aber sind für schwaches Licht nicht empfindlich genug, so dass das visuelle System bei schwacher Beleuchtung keine Signale von dort erhält.

„Ein kleiner Stern am Nachthimmel kann verschwinden, sobald wir direkt auf den Stern blicken, weil er auf diese Stelle – die Sehgrube oder Fovea  – projiziert wird,“, schildert Alejandro H. Gloriani beispielhaft die Folgen. „Bislang ist wenig darüber bekannt, wie das visuelle System bei schwacher Beleuchtung mit der Fovea umgeht“.

Schütz und Gloriani führten Experimente durch, in denen 40 Probandinnen ein Muster betrachteten, das in der Mitte des Gesichtsfeldes, auf Höhe der Sehgrube anders gestaltet ist als drumherum. „Trotz der Unterbrechung des Musters nahmen die meisten Probandinnen es als durchgehend wahr, wenn die Beleuchtung schwach war“, berichten die Psychologen.

Experiment hell/dunkel
Foto: Alejandro Gloriani

„Die Versuchsteilnehmerinnen bevorzugten Informationen aus dem zentralen Blickfeld, obwohl diese bei schwacher Beleuchtung nicht vertrauenswürdig waren“, führen Schütz und Gloriani aus. Die Autoren werten dies als Nachweis dafür, dass die Lücke, die nachts in der Mitte des Gesichtsfeldes besteht, durch Informationen aus der unmittelbaren Umgebung aufgefüllt wird.

„Die übergeordneten Verarbeitungsinstanzen vertrauen dieser abgeleiteten Information mehr als wahrheitsgetreuen Informationen aus der Peripherie des Gesichtsfeldes“, folgert das Team aus seinen Befunden. „Offenbar ignorieren sie die nachtblinde Fehlstelle und berücksichtigen daher auch nicht, ob Informationen von Zapfen- oder Stäbchenrezeptoren stammen und ob die Informationen nur aufgefüllt sind oder nicht.“

Der Psychologe Professor Dr. Alexander C. Schütz leitet eine Arbeitsgruppe für Sensomotorisches Lernen an der Philipps-Universität. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Europäische Forschungsrat unterstützten finanziell die Forschungsarbeit, die der aktuellen Studie zugrunde liegt.

Originalveröffentlichung:
Alejandro H. Gloriani & Alexander C. Schütz: Humans trust central vision more than peripheral vision even in the dark, Current Biology 2019,
DOI: https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.02.023

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